Naturaufstellungen

In Verbindung mit der Tiefe

Schwellen sind Übergänge, Öffnungen an der Grenze zwischen verschiedenen Räumen. Sie sind auch Tore auf der Grenze verschiedener Ebenen von Wirklichkeit und Orte der Begegnung zwischen diesen Ebenen. Schwellen sind zugleich Eingang und Ausgang, sind Orte verdichteter Energie. Sie sind daher Orte besonderer Kraft und wirken auch dann, wenn sie für unsere Augen nicht sichtbar sind.

Wenn ich über eine Schwelle trete, weiß ich oft nicht, was mich auf der anderen Seite erwartet, und manchmal tritt das, was ich in dem neuen Raum erfahre, in Widerspruch zu dem, was mir bisher vertraut und gewohnt war. Die furchterregenden Hüter der Schwelle an den Toren tibetischer Tempel sollen unvorbereitete Menschen abschrecken und fernhalten und schützen sie so vor Erfahrungen, die ihre Fähigkeit zur Integration überfordern würden.

Schwellen erinnern also an die Notwendigkeit, die Erfahrungen verschiedener Räume und unterschiedlicher Ebenen von Wirklichkeit zu integrieren, und geben uns – in ihrer räumlichen ebenso wie in ihrer rituellen Form - zum Beispiel in der Initiation - , die Möglichkeit dazu. Integrieren kann ich jedoch nur, wenn ich bereit bin, über das mir bisher Gewohnte hinauszuwachsen, das heißt, das Alte und das Neue vor etwas Größerem als gleichwertig anzuerkennen, auch wenn das mein bisheriges Bild von Wirklichkeit und dem, was gelten soll, infrage stellt.

Damit diese Integration in einen größeren Zusammenhang hinein gelingen kann, muss ich erst einmal die Schwelle überschreiten, durch das Tor hindurchgehen. Ich trete dabei aus etwas heraus und in etwas Anderes hinein. Über eine Schwelle zu treten, braucht von mir die Bereitschaft zur Hinbewegung. Diese Hinwendung und Hinbewegung sind eine Grundbewegung des Lebens selbst. Das gilt sowohl für den Körper als auch für die Seele. Manchmal stoßen wir in dieser Hinbewegung an eigene innere Grenzen, wenn unser Leben und Handeln geprägt sind von schmerzhaften oder traumatischen frühen Erfahrungen, die es uns schwer oder gar unmöglich machen, eine Hinbewegung ans Ziel zu bringen.

Die Schwelle als ein Ort besonderer Ordnungs-Kraft hat dabei, sowohl räumlich wie auch rituell, gerade im Zusammenhang mit therapeutischer Lösungsarbeit, eine wichtige unterstützende und ausrichtende Wirkung: Schwellen und Tore fassen mich ein, geben mir einen Rahmen, und dieses „Gefasst-Werden“ ist, über die Gestalt der Schwelle oder des Tores hinaus, unmittelbar wahrzunehmen. Schwellen orientieren mich, geben mir dadurch Halt und erleichtern mir auf diese Weise eben jene – körperliche und innere – Hinbewegung. (Orientieren heißt übrigens: auf den Orient hin, also nach Osten, und der Osten steht für das Neue). Zugleich verengen oder „verdichten“ sie mich, wenn ich sie betrete, um mich dann in den neuen Raum hinein zu weiten. Sie fördern in mir eine Art des Lauschens, eine Empfänglichkeit und Offenheit für den neuen Raum. Das macht es mir möglich, innezuhalten, Altes, Vertrautes hier an der Schwelle abzulegen und hinter mir zu lassen. Oft „organisiert“ die Schwelle die Hinbewegung in besonderer Weise. So hat in einigen Kulturen die Funktion der Schwelle auch architektonischen Ausdruck gefunden und verstärkt dadurch ihre Wirkung: der Eingang zum Heiligtum besteht manchmal aus einer kleinen Öffnung oder einem besonders niedrigen Durchgang, sodass die Eintretenden sich ducken müssen, um hindurch zu gelangen. Darüber hinaus gehören zum Überschreiten einer solchen Schwelle oft vorbereitende rituelle Handlungen, welche das Erleben der Schwelle unterstützen und vertiefen – wie etwa das Gebot, einen Tempel vor dem Eintritt in sein Inneres – langsam schreitend – dreimal zu umrunden.

Die Schwelle birgt zugleich alle Informationen des gesamten Raumes, den ich über sie betrete, das heißt, ich komme bereits an der Schwelle mit dem Herz des Raumes in Berührung. Ich brauche also diese Schwellenerfahrung, um mir ein fühlendes Bewusstsein für den neuen Raum zu eröffnen. Die Erfahrung der Schwelle ist daher immer auch eine Möglichkeit zur Verwandlung, für mich ebenso wie für den Ort, und in jedem Ritual schwingt die Schwelle als wesentliches Element mit.

Wenn ich mich diesem Überschreiten der Schwelle ganz aussetze und hingebe, wirkt das, was dabei geschieht, auf (mindestens) zwei Ebenen: in mir, und durch mich hindurch in den Raum - nicht nur ich gehe über eine Schwelle, auch die Schwelle geht durch mich hindurch - und nachher sind wir nicht mehr dieselben, ich nicht, und auch der Ort nicht, den ich betreten habe.

Die Integration, das heißt, das Zusammenfließen und sich Durchdringen lassen dessen, was ich in beiden Räumen erfahren habe, wird möglich und notwendig, wenn ich den Raum - erneut über die Schwelle tretend - wieder verlasse.

Wir haben heute das Bewusstsein und die Achtung vor der Schwelle aus unserem persönlichen und gesellschaftlichen Leben weitgehend verdrängt. In unserer Gesellschaft und unseren Städten werden Schwelle und Tor zunehmend dem möglichst reibungslosen und scheinbar alle Unterschiede nivellierenden Verkehrsfluss, dem der Autos und dem der Informationen, geopfert. Damit einher geht die Erfahrung einer Entgrenzung. Diese Entgrenzung ist jedoch von ganz anderer Art, als sie die Erfahrung der Schwelle uns eröffnet. Die Folge ist ein wachsendes Gefühl von Anonymität und Ohnmacht angesichts einer beziehungslosen Überflutung. Die „Trasse“, d.h. die kürzeste, schnellstmögliche Verbindung von A nach B, die ja häufig zugleich Gewachsenes durchschneidet und trennt, hat städtebaulich Tor und Schwelle abgelöst. Und Nachrichten jeglicher Art erreichen uns, ohne eine Schwelle passieren zu müssen, direkt in unserem Wohn- oder Schlafzimmer, im Herzen unseres Hauses.

Jedes wirkliche Erleben der Schwelle ist dagegen immer eine Krise im positivsten Sinn – mit dem ganzen Wandlungs- und Entwicklungspotential, das eine solche Krise für jeden von uns individuell bereit hält.

Über Schwellen zu gehen, Räume hinter mir zu lassen und neue zu betreten, kann eine bereichernde und weitende, das Gefühl der Trennung und des Getrennt-Seins in seiner Tiefe überwindende Erfahrung sein – nicht nur für „mein“ Fühlen und „mein“ Bewusstsein, sondern auch für das Bewusstsein des Raumes, denn mit dem Überschreiten der Schwelle beginnt immer auch ein „Gespräch“, ein Austausch zwischen dem Raum und mir. Es kann mich zum Erleben einer tiefen Verbundenheit führen, wenn ich mich, allein durch die Offenheit meiner Wahrnehmung und Haltung, als Teil und - in einem heilsamen Sinn – dadurch zugleich auch als verändernd Eingreifende/n in Beziehung zu einem Größeren Ganzen erfahre.

Wir kennen Schwellen auch als Übergang von einer Zeit in eine andere. Jeden Tag durchleben wir zweimal eine solche Schwelle: in der Morgendämmerung vor Beginn des Tages, und in der Abenddämmerung vor Einbruch der Nacht. In unserem städtischen Leben haben wir die Unterschiede zwischen Tag und Nacht weitgehend nivelliert und uns damit zugleich die Möglichkeit genommen, diese Zeiten in ihrer Eigenschaft als Schwelle wirklich zu erleben und uns dabei in zwei ganz unterschiedliche, polare Ebenen von Wirklichkeit und Dasein hinein wandeln zu lassen, die des Tages und die der Nacht. Wer sich einmal draußen in der Natur bewusst auf die Erfahrung der Dämmerung als Schwelle einlässt, kann am eigenen Leib erfahren, wie die Wandlung des Tages in die Nacht und der Nacht in den Tag das eigene Erleben ergreift und mit verwandelt. Wir werden hier von einer tiefen Ordnung erfasst, die uns wieder einbindet in den Rhythmus des Lebens.

Wie uns die Schwelle im Raum mit einer Tiefe in Berührung bringt, die zugleich über die Dimension des Raumes selbst hinausweist, so bringt uns die Schwelle als zeitliches Ereignis in Berührung mit der unermesslichen Weite einer Wirklichkeit jenseits der Zeit, denn auf der Schwelle sind wir, wenn auch nur für die Unendlichkeit eines Augenblicks, der Zeit enthoben.

Und schließlich begleitet uns mit jedem Atemzug ein tiefes Wissen um die Schwelle - jede Pause zwischen Ein- und Ausatem ist zugleich auch eine Schwelle. Wenn wir durch sie hindurch zur Quelle, zum Ursprung unseres Atems fühlen, erinnert uns das auf unmittelbar existenzielle Weise an das Geheimnis des Lebens und unseres Daseins: woher kommt der Atem, wo beginnt der Einatem, wo liegt sein Anfang – ?

Jede Schwelle bringt uns in ihrer tiefsten Schicht immer in Berührung mit dem Urgrund des Seins oder dem Göttlichen. Wie unterschiedlich die Namen, Erklärungen, Ideologien oder Konzepte, die wir ihm geben, wie unterschiedlich der kulturelle, religiöse oder geschichtliche Kontext auch sein mögen, die Erfahrung der Schwelle ist in ihrer grundlegenden Unmittelbarkeit allen Menschen gleich.

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