Naturaufstellungen

In Verbindung mit der Tiefe

Listen to the soles of your feet

Ich erinnere mich an den Bericht eines Schülers von Suprapto Suriodarmo über seine erste Bewegungserfahrung bei ihm. Die TeilnehmerInnen gingen durch den Raum, jeder auf seine Weise, Suprapto Suriodarmo, kurz „Prapto“ genannt, hatte ihnen eine sehr einfache Anweisung gegeben: “Listen to the sole of your foot.“ Zu Deutsch etwa: „Lauscht Euren Fußsohlen.“ Nun hatte Prapto in seiner unkonventionellen indonesischen Art, mit der englischen Sprache umzugehen, den Singular für Fußsohle gewählt. Wenn man das im Englischen nur hört und nicht geschrieben sieht, ergibt sich eine zweite Bedeutung, nämlich „soul“, was im Deutschen „Seele“ heißt. Der Schüler hatte, überzeugt vom tiefgründigen Bedeutungsgehalt von Praptos Anweisung, ganz selbstverständlich „Seele“ verstanden. Die Anweisung wäre dann gewesen: „Lauscht der Seele Eurer Füße.“ Er war gar nicht auf die Idee gekommen, es könnte sich auch ganz schlicht und direkt um die Fußsohle handeln. Das Missverständnis klärte sich schnell auf, als er Prapto gegenüber bekannte, er habe während der ganzen Übung die Seele seiner Füße nicht hören können.

Mir hätte das ebenso passieren können, und ich bin diesem Schüler für seine Erzählung dankbar, sie hat mich viel gelehrt - vor allem über mich selbst. Für mich ist diese Geschichte symptomatisch für unsere Gewohnheit, das Physische, den Körper und die materielle Ebene, in die wir gestellt sind, gering zu achten, sie sozusagen im Höhenflug zu überspringen, um zum vermeintlich „Wesentlichen“ zu kommen. Dann aber kommen wir nicht weiter, gerade so, wie in dieser Geschichte: wir hören nichts.

Von mir selbst und aus der langjährigen Begleitung von Menschen in Bewegung weiß ich: wir sind so versessen, so gierig nach (möglichst tiefem) Sinn und Bedeutung, dass uns das Einfache und Unmittelbare in der Beziehung mit dem, was uns umgibt und mit denjenigen, die uns nahe sind, oft völlig entgeht. Wir sind jedoch da, im Körper, immer, jedenfalls solange wir auf der Erde leben, in jedem Augenblick, gerade jetzt und gerade hier, sind mit etwas in Beziehung, auch dann, wenn wir alleine sind, „nur“ liegen oder „nichts tun“.

Ich habe oft erlebt, wie der Wunsch nach Halt, nach Orientierung und Sicherheit so übermächtig werden kann, dass die einfache Tatsache, dass der Boden trägt, paradoxerweise gar nicht wahrgenommen, geschweige denn gewürdigt werden kann. Und obwohl wir die Tragfähigkeit des Bodens, der Erde, und unser Getragensein in jedem Schritt immer wieder erfahren (könnten), verhalten wir uns, als müssten wir uns selber und alleine halten.



Gehen

Wenn wir gehen

gehen unsere Beine

abwechselnd rechts und links

in immer sich ausgleichender Bewegung

und einem inneren Rhythmus, der uns,

wenn wir ihn fühlen und annehmen

das wunderbare Bewusstsein gibt

durch den Raum getragen

zu werden wie auf

Flügeln.



R.A.Jodjana




Wir gehen kaum noch. Wir sind eine Gesellschaft von Sitzenden – wir fahren sitzend, fliegen sitzend und lernen überwiegend sitzend. Und wenn schon gehen, dann wenigstens wandern oder „walken“. Fast haben wir die Anmut und Würde einfachen Gehens vergessen und achten kaum die vielen Geheimnisse und Botschaften, die uns das Leben der Erde unaufhörlich in jedem Schritt zukommen lässt.

Einfaches Gehen ist eine der wirkungsvollsten „Übungen“, die ich kenne. Gehen, ebenso wie stehen, sitzen und liegen, gehört zu den elementaren menschlichen Lebensvollzügen. Eine Bewegungspädagogin, Charlotte Selver, nannte diese vier einmal „Die vier Würden des Menschen“.

Unsere Fußsohlen bergen eine ganze Landschaft und die Geschichte unseres Lebens ebenso wie die Wege, die wir gegangen sind. Und mit der Architektur unserer Füße kommen wir in Berührung, wenn wir zu spüren beginnen, dass wir über der hohlen Wölbung des Mittelfußes stehen, wenn wir in unserer Mitte sind. Immer ist also Raum im Spiel bei der Begegnung unserer Füße mit ihrem Grund, der Erde. Raum, der immer auch noch ein Nachgeben erlaubt - und ein Atmen.

Mit unseren Füßen sind wir im Kontakt mit dem Boden, dem Grund, der trägt. Dieser Kontakt wird uns vor allem dann fühlbar, wenn wir barfuss gehen und den Boden, die Erde in jedem unserer Schritte durch ihre Oberfläche hindurch, bei der ersten Berührung unserer nackten Füße, bis zu ihrem Grund erspüren, dann nämlich, wenn wir uns mit unserem ganzen Gewicht dem Boden anvertrauen. Nicht ohne Grund sprechen wir von „Wurzeln schlagen“ und von „sich verwurzeln“, wenn wir uns wo heimisch fühlen und ganz dort ankommen.

Was es heißt, sich im Gehen dem Boden anzuvertrauen und sich von ihm tragen zu lassen, erfuhr ich, als ich – nach etlichen Jahren Tanz, Theater und den verschiedensten Bewegungsdisziplinen - ein halbes Jahr lang intensiv und bewusst übte, einfach nur zu gehen. Unermüdlich erinnerte und ermutigte mich mein damaliger Lehrer, in jedem Schritt mein ganzes Gewicht dem Boden anzuvertrauen. Es störte mich, ihn das so häufig sagen zu hören, denn ich war der Meinung, genau das zu tun – bis zu jenem Moment, in dem es wirklich geschah. Zwischen der Art, wie ich bis dahin gegangen war und dem, was ich nun erlebte, lagen Welten! In diesem einen Augenblick veränderte sich mein Körperempfinden nachhaltig auf tief greifende Weise – ich stand zum ersten Mal wirklich auf dem Boden und ließ mich vertrauensvoll tragen. Der Atem kam von selbst in einen tiefen und gelösten Rhythmus, floss ungehindert und leicht. Ich erlebte es im ganzen Körper, im Empfinden, im Fühlen und im „mind“, der plötzlich zur Ruhe gekommen war: Gehen ist ebenso wie Stehen, Sitzen und Liegen eine lebendige Beziehung, eine unaufhörliche und stille Kommunikation mit dem Boden, der Erde, dem Raum um mich her und all dem, was dieser Raum birgt und was ihn durchdringt.

Es war, als hätte ich soeben Tonnengewichte an Spannung von mir geworfen, unter denen ich wie unter einer Glocke gehockt hatte, ohne mir dessen zuvor bewusst gewesen zu sein. Ich hatte aufgehört, das zu tun, was ich bis dahin unter „Haltung bewahren“ verstand. Zugleich mit dieser Spannung fiel in mir eine Welt aus „schönen“ Vorstellungen und Konzepten zur Ästhetik der Bewegung in sich zusammen, Konzepte, die ich für so wertvoll gehalten hatte, - ich hatte ja das Glück (oder Pech), tänzerisch ausgebildet zu sein - und denen ich versucht hatte, so gut wie möglich zu entsprechen. Nicht, dass ich sie sofort losgeworden wäre (das geschah erst nach und nach - und geschieht noch), aber die leibliche Erfahrung, mich unbesorgt und vertrauensvoll auf der Erde bewegen, auf ihr stehen und mich ihr anvertrauen zu können, war ungleich attraktiver, natürlicher und verlockender, als all diese Ideen mit ihrem vergleichsweise engen Korsett.

Das Nächste, was mich ergriff, war die Erkenntnis, dass ich plötzlich wach und ungehindert wahrnahm, was mich umgab, als hätten sich Nebelschleier gelüftet und würden mich nun ungetrübt sehen und fühlen lassen. Jetzt, wo die Erde mich endlich trug, oder ich ihr vielmehr endlich erlaubte, mich zu tragen, erlebte ich, wie meine Aufmerksamkeit frei wurde für den Ort, den Raum, in dem ich stand. Nicht nur meine Augen, mein ganzer Körper sah - die Wände, den Raum und seine Details. Ich war fühlbar mit meiner Umgebung verbunden und musste nichts dafür tun. Ich stand im Raum, fühlte mich willkommen, aufgehoben, in lebendiger Beziehung zum Raum und war zugleich Teil von ihm. Plötzlich wurde mir deutlich, dass ich auf subtile, mir bis dahin nicht bewusste Weise den Eindruck gehabt hatte, mich im oder sogar gegen den Raum oder gegen etwas Diffuses, Undefinierbares im Raum behaupten zu müssen. Nun stand ich einfach da, zu Hause im „Haus“ meines Körpers, getragen vom Boden, gelassen, entspannt und freudig. Ich hatte aufgehört, zu kämpfen oder mich ins Innere meines Körpers zurückzuziehen – und die imaginären Feinde hatten das Feld geräumt. Der Raum, in dem ich mich bewegte, erschien mir in seiner Schlichtheit nun strahlend und einladend – ich war präsent, erlebte mich und alles um mich her in tiefem Frieden und auf unspektakuläre Weise gegenwärtig.

Dieses Erleben war vollkommen undramatisch und einfach – überwältigend einfach. Dennoch lag etwas Spektakuläres, etwas höchst Dramatisches in dieser Erfahrung einfachen Gehens, weil sie mir in diesem Moment die ganze Kompliziertheit und Verkrampfung meiner Gewohnheit offenbarte, durchs Leben zu gehen und in der Welt zu sein, und das ist hier ganz wörtlich gemeint.

Jetzt war ich meinem Lehrer dankbar für seine geduldigen Wiederholungen. Er hatte mich immer wieder daran erinnert, dass ich nicht nur gehe, sondern getragen bin und auf etwas gehe, und er hat mich damit in Verbindung gebracht. Er hatte meine Aufmerksamkeit von meinem Besorgtsein um mich selber und mein „richtiges“ Gehen hin zum Boden, zur Erde gelenkt. Ich glaube, erst mit meiner allmählich wachsenden Bereitschaft, mich auf eine konkrete - und zunächst einmal vor allem physische - Beziehung zum Boden einzulassen, konnte sich dieses andere Erleben schließlich ereignen.

In diesem Erleben erfuhr ich, dass wirkliches Begreifen etwas von einer Offenbarung hat. Wirkliches Begreifen bleibt nicht auf einer mentalen Ebene. Im Bruchteil eines Augenblicks durchbricht es das Mauerwerk unserer Muster und Gewohnheiten, hebt uns aus der Identifikation mit dem, was wir bisher zu sein glaubten, hinaus und erfasst unser ganzes Sein auf allen Ebenen, bis in die Zellen unseres Körpers. Auch der physische Körper begreift, erkennt und wandelt sich. Nicht langsam oder allmählich, sondern augenblicklich und plötzlich.

Der Augenblick der Erkenntnis geschieht immer plötzlich und unerwartet, hat sich jedoch lange und auf vielen Ebenen weitgehend unbemerkt in uns vorbereitet. Doch können wir uns Erkenntnis nicht erarbeiten, um sie uns dann schließlich zu verdienen – immer ist sie ein Geschenk, eine Gnade. Auch wenn die Gnade der Erkenntnis immer und überall möglich ist, wird sie uns doch nicht zugänglich ohne unser Zutun, ohne unsere Beteiligung. Erst durch uns und unser Tun hindurch, in Beziehung, werden wir bereit, sie in Empfang und in Besitz zu nehmen, damit sie fruchtbar werden kann.

Noch etwas Wesentliches charakterisiert diese Art des Lernens und Erkennens: etwas in uns schwingt mit, geht in Resonanz, erinnert sich – auch der Körper erinnert sich - es ist ein Wieder ganz werden, das Erleben und die gelassene Gewissheit, vollständig zu sein, unbesorgt eingebettet in den Fluss des Lebens – und des Sterbens. Und das ist äußerst attraktiv, auch dann, wenn es auf der mentalen oder emotionalen Ebene Ängste auslöst, weil ein Teil unserer Vorstellung, die wir uns von uns und der Welt gemacht haben, hinfällig wird. Wir stehen da - nackt, demütig, auf tiefe Weise wissend und ohne Plan oder Strategie.

Seitenaufrufe: 62

Kommentar

Sie müssen Mitglied von Naturaufstellungen sein, um Kommentare hinzuzufügen!

Mitglied werden Naturaufstellungen

Prefer another language?

© 2019   Erstellt von Kenneth Edwin Sloan.   Powered by

Badges  |  Ein Problem melden  |  Nutzungsbedingungen