Naturaufstellungen

In Verbindung mit der Tiefe

Weit draußen, in den beginnenden Abend jenseits des Dorfes, gehe ich sehr langsam, immer wieder unterbrochen von Pausen des Innehaltens - . Einzelne kleine Schritte sind es, die sich, zärtlich den Boden berührend, zu einem Weg verknüpfen wie eine unsichtbare Perlenkette. Ein Schritt nährt den folgenden, während er sacht ins Gewesene zurücksinkt. Wie ein sanftes Leuchten, so legt sich der Weg als feine Spur für eine Weile noch mir in den Körper. Dann verschmilzt er mit jener Grundwärme einfachen Daseins.

In einer anderen Zeit, auf dem schmalen Pfad an mir vorbei, hasten Spaziergänger - Welten, so scheint es mir, von der meinen entfernt, während unsere Körper sich doch beinahe berühren. Durch welche Schichten menschlicher Einsamkeit sinke ich da – eintauchend ins Alleinsein mit wogenden Gräsern und der hellbraunen Erde, die sich mir unter die bloßen Füße legt. Die Tiefe des Himmels ist auf einmal so nah, dass meine Fingerspitzen sie mühelos berühren. Schon zeigt sich die Mondsichel, ich ahne die noch unsichtbaren Sterne, und sie sind jetzt meine nächsten Verwandten!

Hier und da entsteigen zarte, weiße Schleier den Wiesen, legen sich in schmalen Bändern und fein abgegrenzt aufs Land – kühle, feuchte Abenddüfte wehen von ihnen herüber: Herbst kündigt sich an. Auf dem dunkler werdenden Grün der Bäume verblasst nun langsam der warm rötliche Schimmer des letzten Abendlichts.

Da berührt mit ungewohnter Deutlichkeit mich ein Baum. Fühlbar und unmissverständlich grüßt er schon von weitem, lange bevor mein Schritt ihn erreicht! Eigentlich ist er kein Baum, eher ein Bund dicker Eichenäste, strahlenförmig aus der Erde wachsend wie ein groß gewordener Strauch, viele seiner Blätter eigenartig entstellt und überzogen mit den grau-weißen Flecken vom Mehltau. Gesund sieht er nicht aus, jetzt am Ende des Sommers. Auch ist er nicht schön oder auf andere Weise besonders. Entlang des Weges steht er in einer Reihe mit anderen, höheren Bäumen. Leicht würde ich ihn übersehen. Dieser jedoch will mich sprechen. Fast fühle ich etwas wie Dringlichkeit und Nachdruck, die von ihm ausgehen, ungeachtet der unscheinbaren Gestalt.

Seine Sprache bedarf der Worte nicht, er spricht mit einer deutlichen Präsenz und schlichter, klarer Würde, die mich bewegt, als käme sie aus meinem Innern - und plötzlich muss ich mich vor ihm verneigen. Lange so lauschend, halte ich inne - da berührt er mich auf seine ihm ganz eigne Art. Doch nicht nur ich empfange, auch nimmt nun er von mir. Welch kostbarer Tausch besonderer Kraft und Nahrung, welch feinste Botschaft von Freude, Sein und zärtlichem Verstehen in einem Strom des Lebens, der beiderseitig unaufhaltsam fließt, wo alles wie aus sich heraus geschieht!

Als ich nun wieder aufgerichtet vor ihm stehe, ist es, als verbände uns mit einem kleinen Augenzwinkern etwas besonderes, greifbar fast wie ein pulsierendes Gewebe von leichter Kraft und Dankbarkeit und auch Humor: hier ist kein ‚Ort der Kraft’ mit ‚tiefen Wurzeln in alten Kulturen’, kein uralter Baum hat da zu mir gesprochen, nichts, das sich zu okkupieren lohnte, um eigene Leere zu verhüllen mit einem Mantel fremder Macht und Fülle. Hier zeigte sich für einen kurzen, zeitlosen Moment - und als Geschenk - des Lebens einfache Lebendigkeit wie eine Blüte, brach auf, verströmte sich und darf auch wieder welken.

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