Naturaufstellungen

In Verbindung mit der Tiefe


Ende der Siebziger Jahre besuchte ich mit meinem kleinen Sohn die Kieler Woche. Es herrschte ein buntes Treiben, viele Straßenkünstler säumten mit ihren Vorführungen die Veranstaltungsmeile.

Einen von ihnen beobachtete ich lange, immer wieder zog es mich während des Tages an seinen Ort zurück. Und immer bot sich mir das gleiche Bild. Was er tat, unterschied sich von allem anderen auf besondere Weise: er hatte mithilfe einer Vorrichtung ein Drahtseil gespannt, ungefähr in Höhe der Körpermitte. Über dieses Seil ging allerdings nicht er – das tat er nur selten, vielleicht zur Erholung oder um den Zuschauern zu zeigen, dass es möglich ist, und um sie zu ermutigen. Mit Hingabe und Geduld führte er vielmehr Zuschauer über das Seil, Menschen, die diese Erfahrung gerne einmal selber machen wollten. Und es waren viele - Kinder, Jugendliche, auch Erwachsene. Manchmal mussten sie lange dafür anstehen. Er tat das den ganzen Tag über, mehrere Tage hintereinander.

Immer schien er sie mit innerer Ruhe und ausgeglichen zu begleiten, er strahlte eine beruhigende Sicherheit und Klarheit aus, jedem wendete er sich mit immer denselben Hinweisen, denselben Ermutigungen ganz zu und gab jedem seine Hand oder den Balancierstab, je nachdem, wie groß das Sicherheitsbedürfnis der Einzelnen war. Es war auch deutlich, dass es ihm nicht darum ging, dass die Menschen, die er über das Seil führte, es auf jeden Fall schafften. Es ging ihm augenscheinlich darum, ihnen eine Erfahrung zu ermöglichen.

Auf den letzten zwei Metern des Seiles, kurz vor Erreichen des sicheren Podestes, sagte er zu beinahe jedem einen Satz, der mir lange im Gedächtnis blieb – und den ich später selber noch oft hören sollte –, er lautete: „Schau in die Ferne, nicht auf das Podest, es sind noch mindestens 10 Meter.“

Selber war ich damals gar nicht auf die Idee gekommen, über das Seil zu gehen, und mein Sohn war noch zu klein. Das Zuschauen nahm mich ganz in Anspruch, und mich beschäftigte vor allem die Frage nach der Quelle seiner Hingabe und seiner Fähigkeit, anderen zu dienen, ohne selbst als Künstler im Vordergrund stehen zu müssen. Wenige Jahre später wurde dieser Mann, Jürgen Müller-Othzen, ohne dass ich zuvor wusste, um wen es sich handelte, mein Theaterlehrer. Nun lernte ich selber, über das Seil zu gehen, und es war, neben seiner einfühlsamen und konfrontierenden Begleitung als Theaterlehrer, diese Erfahrung selbst, die zu einer Antwort auf meine Frage wurde.

Auf dem Drahtseil zu gehen, prägt als wertvolle Übung die innere Einstellung und Haltung zum Leben und ist eine Schwellenerfahrung besonderer Art. Heute erkenne ich darin eine starke und wirkungsvolle Disziplin, sich in die Bewegung auf der Schwelle einzuüben.

Das Gehen auf dem Seil braucht eine eindeutige Bereitschaft, sich den Bedingungen des Seiles zu unterwerfen: jede Ambivalenz, jedes Beharren darauf, die Dinge „auf meine Art“ zu tun, bringen schnell zu Fall. Das Seil selbst als Boden oder Grund, auf dem ich gehe, ist äußerst schmal und reflektiert unmittelbar jedes Zuviel oder Zuwenig an Kontakt, Spannung und Erdung. Gerade während des Gehens auf dem Seil braucht es die Erdung: das Seil verlangt ein Grund-Vertrauen ab, durch das schmale Seil hindurch die Gewissheit eines breiten tragenden Grundes, und zwar als Übung von Moment zu Moment. Das Gehen selbst fordert große Achtsamkeit und die gesammelte Aufmerksamkeit in einer Hingabe jenseits von Konzentration oder Anspannung.

Der Raum, durch den ich gehe, und der zugleich durch mich hindurchgeht, hat immense Weite. Die Richtung wiederum ist unverrückbar vorgegeben. Die Spitzen der Balancierstange oder meine Arme bringen in Kontakt mit den Räumen zur Linken wie zur Rechten und deren unterschiedlichen Qualitäten. Ich berühre beide und bringe sie durch mein Gehen auf dem Seil in mir zum Ausgleich - bleibe ich in einem der beiden Räume rechts oder links „hängen“, verliere ich das Gleichgewicht.

Wenn ich beginne, mich im und durch den Raum selbst gehalten und geborgen zu fühlen, kann ich über die begrenzende Vorstellung rein physischer Gesetzmäßigkeiten hinaus gehen: ich erinnere mich, mich aus unmöglichen Schräglagen und schwierigsten Positionen auf dem Seil gehalten und in die aufrechte Haltung zurückgefunden zu haben. In solchen Augenblicken wusste ich mit ruhiger und unerschütterlicher Gewissheit, dass ich „oben“ bleiben würde. Dann wieder gab es Augenblicke, in denen ich scheinbar einfach so das Gleichgewicht verlor, sozusagen ohne Not. Immer jedoch, wenn ich mich in die Momente vor dem Fall zurückversetzte, kam eine unbewusste Entscheidung zum Aufgeben zum Vorschein, die mich die innere Spannkraft hatte verlieren lassen.

Das Gehen auf dem Seil ist eine wunderbare Möglichkeit, polare Gegensätze am eigenen Leib zu erleben, anzuerkennen, zu integrieren und über sie hinauszuwachsen. Und es ist eine fruchtbare Konfrontation mit dem All-ein-sein.

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