Naturaufstellungen

In Verbindung mit der Tiefe

Vielleicht sind jene Wege am schönsten, die entstehen und erhalten bleiben, weil sie begangen werden. Wege, gefasst vom vielfarbigen Grün hoher Gräser, manchmal nicht breiter als der schmalste Pfad, um sich dann, im Schutz Schatten spendender Bäume wieder zu öffnen. Wege, die sich überraschend wenden, immer aber bereitwillig und lebendig sich unter unsere Füße legen. Wege, die wir nicht nur mit anderen Menschen teilen, sondern auch mit den Tieren -- und mit Wesen, deren feinere Körper unsere Augen zwar nicht sehen können, deren Gegenwart wir aber doch spüren oder zu ahnen vermögen.

Solche Wege bergen Geschichten, die kann man nur erfahren, wenn man die Wege geht. Leicht ziehen sie uns in Gespräche, deren wortlose Botschaften fremd vertraut von weit her kommen und zugleich aus dem Raum unseres Innern.

Solche Wege spielen mit unseren Wahrnehmungsgewohnheiten wie auf einem uns unbekannten Instrument. Sie regen unser Gehen an, wecken den Wunsch, uns unserer Schuhe und Strümpfe zu entledigen und sie barfuss zu betreten, und aus der Tiefe kommt unseren Füßen dann manchmal etwas von ihrem Wissen zu, fließt von dort herauf in unsere Körper und lässt uns verwandelt und auf neue Weise verbunden wieder nach Hause kommen.

Die ganz eigene Schönheit solcher Wege ist höchst lebendig. Weil sie uns berührt, öffnet und befreit sie unsere Aufmerksamkeit vom Alltagskorsett mechanischer Routine. Folgen wir, beansprucht sie uns ganz, weist uns an zu lauschen, zu schauen, zu riechen, zu spüren, und im tiefen Atem erinnern sich Körper, Seele und Natur ihres gemeinsamen Ursprungs.

Solche Wege sind nicht vergleichbar mit anderen, heute so weit verbreiteten Wegen, die wir planen, anlegen, vielleicht sogar asphaltieren und mit Abfallbehältern, Schildern und öffentlichen Bänken versehen – obwohl auch sie durchaus Reiz und Schönheit haben können.

Solche Wege ursprünglicher Schönheit habe ich auf „Neuland“ gefunden, einem Waldgelände in Holland, in der Nähe von Nijmegen, auf dem ein Kollege und Freund, Henny Ketelaar mit seiner Familie lebt – in unspektakulärer Fürsorge und zurückhaltend liebevoller Pflege für dieses Stück Land und seine nicht-menschlichen Bewohner.

Mit einer Gruppe befreundeter KollegInnen war ich dort zu Besuch. Unser Freund, der Erforschung, Kultur und Vertrieb einheimischer Pflanzen und Bäume zu seinem Beruf gemacht hat, öffnete uns durch seine spürbare Verbundenheit mit diesem Ort den Raum, auf unsere Weise in Berührung zu kommen mit „seinem“ Land und dessen Geschichten.

Wir sind die Wege gegangen - langsam, Schritt für Schritt, jeder für sich und in Verbindung miteinander, manchmal schweigend, uns ganz dem einfachen Gehen überlassend, manchmal angeregt sprechend.

Als wir wenige Wochen nach unserem ersten Besuch ein zweites Mal kamen, führte uns unser Freund zu den ungewöhnlich zahlreichen Mulden entlang der Wege, die wir gegangen waren – Spuren von Rehen, die sich in den Nächten nach unserer Abreise dort ihre Schlafplätze gesucht hatten – eine schöne Antwort auf die Art und Weise unserer Gegenwart.

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